„Die Treppe war das Problem. Die Controller wären das nächste gewesen.“
Ausgangspunkt für das Residenzschloss Ludwigsburg, 2021
Eine VR-Brille mit zwei Controllern ist für viele Menschen eine Hürde: für Ältere, für Menschen mit motorischen Einschränkungen, für alle, die noch nie ein Gamepad in der Hand hatten.
In Museen und Schlössern sind das keine Randgruppen, sondern ein großer Teil des Publikums. Wer VR einsetzt, um Räume zugänglich zu machen, die sonst niemand betreten kann, darf an der Eingabe nicht die nächste Barriere aufbauen. Deshalb bauen wir VR-Anwendungen seit 2021 so, dass sie sich ohne Hände bedienen lassen, und seit 2024 so, dass Controller gar nicht mehr nötig sind.
Blicksteuerung in VR: der Blick als Eingabe
Wer einen Punkt in der Szene etwa eine Sekunde lang ansieht, löst ihn aus. Türen öffnen, Objekte ansehen, zur nächsten Station gehen, alles ohne Controller. Technisch reicht dafür die Blickrichtung des Kopfes, die jede Brille kennt. Echtes Eye-Tracking, also die Erfassung der Pupille, ist nicht nötig und wäre im Ausstellungsbetrieb anfälliger, weil es für jede Person neu kalibriert werden müsste.
Was Blicksteuerung für die Gestaltung bedeutet
Das Prinzip klingt simpel, entscheidet aber über die gesamte Anwendung. Interaktive Elemente müssen groß genug und weit genug auseinander liegen, damit niemand versehentlich etwas auslöst, nur weil der Blick beim Umschauen darüber streift. Ein Fortschrittsring zeigt, dass gerade etwas passiert und wie lange es noch dauert; ohne ihn wirkt jede Verzögerung wie ein Fehler. Und die Anwendung darf nie voraussetzen, dass jemand den Kopf schnell dreht oder sich umdreht. Wer sitzt, muss alles erreichen können, was vor ihm liegt.
Dazu kommt eine Regel, die wir aus Usertests gelernt haben: Es braucht immer einen Weg zurück. Wer eine Tür versehentlich geöffnet hat, muss sie schließen können, ohne dass ein Betreuer eingreift. Sonst entsteht genau das Gefühl von Hilflosigkeit, das Barrierefreiheit vermeiden soll.
Hören, Sehen, Lesen: Barrierefreiheit über die Mobilität hinaus
Barrierefreiheit endet nicht bei der Mobilität. Für gehörlose Besucher:innen werden alle Dialoge untertitelt, und Geräusche, die für die Orientierung wichtig sind, bekommen eine visuelle Entsprechung. Für Menschen, die keine Brille aufsetzen können oder wollen, gibt es dieselben Inhalte auf dem Tablet. Die Texte sind in einfacher Sprache gehalten, Kontraste so gewählt, dass sie auch bei eingeschränktem Sehvermögen funktionieren. Aus einem Datensatz entstehen so vier Zugänge zur selben Anwendung.
Sitzend oder stehend: zwei Betriebsarten für die VR-Station
Blicksteuerung funktioniert im Sitzen und im Stehen, aber die beiden Betriebsarten stellen unterschiedliche Anforderungen. Sitzend braucht eine Station wenig Fläche, ist für Menschen mit Gehhilfe oder im Rollstuhl direkt nutzbar und kommt fast ohne Betreuung aus, weil niemand irgendwo gegenlaufen kann. Die Anwendung muss dann alles Wichtige in einem Blickfeld von etwa 180 Grad zeigen, und die Sitzhöhe bestimmt die virtuelle Augenhöhe. Stehend, mit freier Bewegung im Raum, ist das Erlebnis intensiver, braucht aber eine gesicherte Fläche, eine Person, die aufpasst, und ein Grenzsystem, das warnt, bevor jemand an die Wand läuft. Für Museen mit Publikumsverkehr empfehlen wir sitzend als Standard und stehend als betreute Sonderform, etwa bei Führungen.
Was das Aufsichtspersonal wissen muss
Eine barrierefreie Anwendung entlastet das Personal, sie ersetzt es nicht. Wir liefern deshalb eine Einweisung, die in dreißig Sekunden funktioniert: Brille aufsetzen, Riemen einstellen, auf den gelben Punkt schauen, fertig. Dazu gehören Hinweise zur Reinigung der Gesichtspolster zwischen zwei Gästen, zum Abbruch, falls jemandem unwohl wird, und zum Neustart, wenn die Anwendung hängen sollte. Ein Ausstellungsteam, das sich sicher fühlt, empfiehlt die Station weiter. Eines, das Angst vor der Technik hat, lässt sie ausgeschaltet.
Was wir aus zwei Schlössern gelernt haben
Barrierefreiheit kostet wenig, wenn sie am Anfang steht, und viel, wenn sie am Ende nachgerüstet wird. Eine Anwendung, die für Controller gebaut wurde, lässt sich nicht einfach auf Blick umstellen; die Abstände, die Größen, die Wege stimmen dann nicht. Was für Menschen mit Einschränkungen gut ist, ist für alle besser: Blicksteuerung ist auch für Erstnutzer:innen intuitiver als jeder Controller, und Ausstellungsteams berichten, dass die Einweisung deutlich kürzer geworden ist. Und: Testen Sie mit den Menschen, für die Sie bauen. Unsere Usertests mit älteren Besucher:innen haben mehr verändert als jede interne Diskussion.
Drei Punkte prüfen wir deshalb in jedem Projekt für barrierefreie VR früh: Ist die Schrift in der Brille lesbar, nicht nur am Monitor? Ist die Auslösezeit der Blicksteuerung lang genug, damit kein Blick über den Raum eine Aktion startet, und kurz genug, damit niemand die Anwendung für kaputt hält? Und gibt es zu jedem Ton eine sichtbare Entsprechung, damit gehörlose Gäste dieselben Hinweise bekommen? Früh geklärt kosten diese Fragen kaum etwas, nachträglich behoben sind sie teuer.
Residenzschloss Ludwigsburg: zwei Steuerungen, ein Erlebnis
Die Anforderung im Pitch: Die Räume der Dienerschaft und die Bühnenmaschinerie des Schlosstheaters sollten für Menschen zugänglich werden, die die steilen Treppen nicht schaffen. Unsere Antwort war eine Anwendung mit zwei Interaktionsmodellen, klassische Controllersteuerung und Blicksteuerung, wahlweise im Stehen als Full-Body-Experience oder im Sitzen. Dank Audiovisualisierung und Untertiteln ist das Mitternachtstheater auch für Gehörlose erlebbar. Mehr zum Projekt.
Schloss Mannheim: ganz ohne Controller
Beim zweiten Projekt haben wir den Controller weggelassen. Die Bibliothek der Kurfürstin wird ausschließlich per Blick bedient. Das vereinfacht auch den Betrieb: Es gibt nichts, was verloren geht oder leer ist. Wer keine Brille aufsetzen kann, erlebt dieselben Inhalte auf dem Tablet. Die Anwendung ist Teil des Landesprojekts „Virtuelle Rekonstruktion von Kulturliegenschaften“, in dem Barrierefreiheit ausdrücklich vorgesehen ist. Mehr zum Projekt.
Mehr über Photogrammetrie, mit der beide Schlösser erfasst wurden, im Beitrag Was ist Photogrammetrie?. Welche Form des virtuellen Rundgangs zu welchem Haus passt, steht im Beitrag Virtueller Rundgang für Museen und Schlösser.


