„Wir hätten gern einen virtuellen Rundgang.“
So beginnen viele Anfragen von Museen, Schlössern und Gedenkstätten
Gemeint sein kann damit sehr Unterschiedliches: ein 360°-Rundgang aus Panoramafotos, ein begehbarer 3D-Rundgang oder eine Virtual-Reality-Anwendung für Gäste im Haus.
Dahinter stehen ebenso unterschiedliche Wünsche. Manche Häuser wollen online sichtbar sein, andere verschlossene Räume öffnen, wieder andere suchen ein Erlebnis für Gäste vor Ort. Für jeden dieser Fälle gibt es eine passende Technik, und sie unterscheiden sich in Aufwand, Produktionsdauer und Wirkung erheblich.
Warum sich ein virtueller Rundgang für Museen und Schlösser lohnt
Der häufigste Anlass ist der praktische: Ein Raum ist nicht zugänglich. Wegen einer Sanierung, aus konservatorischen Gründen, weil eine Treppe zu steil oder eine Statik zu heikel ist. Museen kennen das Problem gut. Das Depot ist voll mit Objekten, die niemand sieht, und die eindrucksvollsten Räume sind manchmal die, in die niemand darf. Ein virtueller Rundgang macht sie zugänglich, ohne dass ein einziger Stein bewegt wird.
Der zweite Grund ist Barrierefreiheit. Wer eine Wendeltreppe nicht schafft, war bisher außen vor. Für Menschen mit eingeschränkter Mobilität, aber auch für Familien mit Kinderwagen oder für ältere Gäste ist ein digitaler Zugang oft der einzige Weg in bestimmte Bereiche. Seit dem Barrierefreiheitsstärkungsgesetz ist das für viele Einrichtungen ohnehin ein Thema, das nicht mehr nur freiwillig ist.
Der dritte Grund wird häufig unterschätzt: Ein Rundgang ist Dokumentation. Wenn Räume ohnehin photogrammetrisch erfasst werden, entsteht nebenbei ein millimetergenaues Abbild des heutigen Zustands. Vor einer Sanierung ist das für die Denkmalpflege bares Geld wert. Die Daten liegen dann vor, unabhängig davon, was der Umbau verändert.
Dazu kommt die Reichweite. Ein Haus, das online begehbar ist, erreicht Schulklassen in der Vorbereitung, Forschende im Ausland und Menschen, die niemals anreisen würden. Die Erfahrung aus unseren Projekten: Der digitale Rundgang ersetzt den Besuch nicht, er weckt ihn. Wer online durch einen Raum gelaufen ist, will ihn sehen. Für die Pressearbeit ist so ein Rundgang außerdem dankbares Material, weil Redaktionen ihn einbetten können.
Und schließlich: Förderprogramme. Digitalisierungsvorhaben in Kultur und Bildung werden auf Landes- und Bundesebene gefördert, in Baden-Württemberg etwa im Rahmen des Landesprojekts zur virtuellen Rekonstruktion von Kulturliegenschaften. Wer ein Vorhaben ohnehin plant, sollte die Antragsfristen früh kennen.
Bleibt die Frage, wie so ein Rundgang technisch aussieht. In der Praxis haben sich drei Wege herausgebildet, die sich vor allem darin unterscheiden, wie frei sich Besucher:innen bewegen und wo sie dabei sind: der 360°-Rundgang aus Panoramafotos, der begehbare 3D-Rundgang aus vermessenen Räumen und die Virtual-Reality-Anwendung im Haus. Die drei schließen sich nicht aus, im Gegenteil, sie bauen aufeinander auf.
Weg 1: Der 360°-Rundgang aus Panoramafotos
Der 360°-Rundgang, oft auch virtuelle Tour oder Panoramatour genannt, besteht aus Panoramafotos, die an festen Standpunkten aufgenommen und miteinander verlinkt werden. Besucher:innen drehen sich am Standpunkt frei um die eigene Achse, springen per Klick zum nächsten Punkt und tippen auf Infopunkte mit Text, Bild oder Audio.
Für die Aufnahme genügt ein Tag im Haus, oft weniger. Eine Panoramakamera auf dem Stativ, ein Standpunkt alle paar Meter, dazu Zeit für die Ausleuchtung. Ein mittelgroßes Museum kommt mit zwanzig bis vierzig Standpunkten aus. Der eigentliche Aufwand steckt danach in der Redaktion: Welche Objekte bekommen einen Infopunkt, wer schreibt die Texte, wer spricht das Audio ein, in welchen Sprachen?
Die Stärken liegen auf der Hand. Die Tour ist schnell fertig, läuft in jedem Browser ohne Installation, lässt sich in die eigene Website einbetten und später um Standpunkte ergänzen. Für Sonderausstellungen, die nach drei Monaten abgebaut werden, ist sie oft die einzige Form, die sich rechnet. Auch als Vorbereitung für Schulklassen oder als Barriere-Angebot auf der Website erfüllt sie ihren Zweck.
Die Grenze: Man kann sich nicht frei bewegen. Die Standpunkte bleiben die des Fotografen, und zwischen ihnen liegt ein Sprung, kein Weg. Wer näher an ein Exponat heran will, kann nur zoomen, nicht hingehen. Räumliches Gefühl entsteht dadurch nur bedingt. Und weil Panoramen fotografiert sind, zeigen sie den Zustand am Aufnahmetag, samt Absperrband und Baugerüst.
360°-Touren in die Ateliers der Künstler:innen
Für den Kubus. Sparda-Kunstpreis haben wir Panoramatouren in die Ateliers der nominierten Künstler:innen produziert und in den Mediaguide des Hauses eingebettet. Besucher:innen sehen dort Orte, die sonst niemand betritt, ohne dass ein Raum umgebaut werden musste. Mehr zum Projekt.
Weg 2: Der begehbare 3D-Rundgang per Photogrammetrie
Beim 3D-Rundgang wird der Raum nicht fotografiert, sondern vermessen. Mit Photogrammetrie entstehen aus tausenden überlappenden Aufnahmen echte 3D-Modelle. Das Ergebnis ist kein Bild, sondern Geometrie mit Oberfläche, durch die man laufen kann.
Die Aufnahmen dauern länger, meist ein bis drei Tage pro Raumgruppe, weil jede Fläche aus mehreren Winkeln erfasst werden muss. Der größere Teil der Arbeit liegt danach am Rechner: Die Rohmodelle haben hunderte Millionen Dreiecke und müssen auf ein Maß reduziert werden, das ein Smartphone in wenigen Sekunden lädt. Dabei dürfen Formen nicht verloren gehen. Für den Rundgang durch das Pergamonmuseum haben wir mehrere Detailstufen gebaut, die je nach Gerät und Entfernung nachgeladen werden.
Der Gewinn ist ein anderes Erlebnis. Besucher:innen bewegen sich selbst, gehen näher heran, schauen hinter eine Säule, hocken sich vor eine Vitrine. Weil das Modell echte Geometrie ist, lassen sich Objekte hervorheben, ausblenden oder in einen früheren Zustand versetzen. Und derselbe Datensatz bedient beide Welten: den Browser auf der Website und die VR-Brille im Haus. Wer diesen Weg geht, hat Weg 3 halb erledigt.
Was Häuser dafür beisteuern müssen: Zugang zu den Räumen außerhalb der Öffnungszeiten, weil bewegte Besucher:innen die Aufnahmen stören, und eine klare Entscheidung, welche Räume in welcher Detailtiefe erfasst werden. Jeder zusätzliche Raum kostet Aufnahmezeit und Rechenzeit.
Pergamonmuseum: geschlossene Räume, online begehbar
Weg 2 in Reinform. Räume, die wegen der Sanierung jahrelang nicht zugänglich sind, wurden photogrammetrisch erfasst und als frei begehbarer Rundgang aufbereitet. Mehrsprachig, kuratorisch begleitet, auf Smartphone und Desktop. Für die Staatlichen Museen zu Berlin ist das Dokumentation und Vermittlung zugleich. Mehr zum Projekt.
Weg 3: Virtual Reality im Museum vor Ort
Die intensivste Form ist Virtual Reality im Museum selbst, als betreute VR-Station. Gäste setzen eine Brille auf und betreten Räume, die sonst gesperrt sind, oder Zeiten, die es nicht mehr gibt. Hier kommt zur Geometrie die Dramaturgie: eine Erzählstimme, historische Figuren, Interaktionen, ein Anfang und ein Ende.
Technisch setzen wir auf Standalone-Brillen, die ohne Rechner und Kabel auskommen. Für eine Station rechnen wir mit zwei bis vier Geräten plus Ersatz, einem Ladeschrank und einer Fläche von etwa zwei mal zwei Metern. Wichtig ist die Frage, ob im Sitzen oder Stehen gespielt wird: Sitzend ist sicherer, braucht weniger Fläche und weniger Betreuung. Eine Sitzung sollte zehn bis fünfzehn Minuten dauern, sonst staut sich die Warteschlange.
Der Betrieb gehört in die Planung, nicht ins Kleingedruckte. Wer setzt die Brille auf, wer reinigt sie, wer lädt sie? Wie wird der Ton gelöst, wenn der Raum laut ist? Was passiert bei Andrang? Wir liefern deshalb ein Betriebskonzept mit, dazu eine Kurzanleitung für das Aufsichtspersonal und eine Tablet-Variante für alle, die keine Brille aufsetzen können oder wollen. Blicksteuerung statt Controller senkt den Einweisungsaufwand spürbar, weil es nichts zu erklären gibt.
Dafür ist die Wirkung ungleich größer. Eine VR-Station ist ein Grund zu kommen, sie taucht in der Presse auf und wird weitererzählt. Häuser berichten uns von Gästen, die eigens wegen der Anwendung anreisen.
Schloss Mannheim: Zeitreise per Blick
Die Bibliothek der Kurfürstin ist im Original verschlossen. Gäste des Barockschlosses betreten sie in VR, so wie sie 1755 aussah, gesteuert allein über den Blick. Wer keine Brille aufsetzen kann, erlebt dieselben Inhalte auf dem Tablet. Die Anwendung läuft ohne Rechner auf Standalone-Brillen direkt im Haus. Mehr zum Projekt.
Residenzschloss Ludwigsburg: Rundgang oder Geschichte
Zwei Modi aus einem Datensatz: Im virtuellen Rundgang „Geheime Wege“ erkunden Gäste die Räume der Dienerschaft in Ruhe. Im „Mitternachtstheater“ erleben sie dieselben Räume als Geschichte mit drei historischen Figuren, die in einer Aufführung im Schlosstheater gipfelt. Einmal erfasst, lassen sich Räume für verschiedene Zielgruppen unterschiedlich erzählen. Mehr zum Projekt.
Virtuellen Rundgang erstellen:
die fünf Schritte
1. Ziele und Räume klären. Welche Räume sollen digital zugänglich werden, für wen, und was soll dabei vermittelt werden? Hier entscheidet sich, ob eine 360°-Tour genügt oder ob es Photogrammetrie braucht. Wir machen das meist in einem Kreativworkshop mit dem Team des Hauses.
2. Aufnahmen vor Ort. Je nach Weg ein Tag mit der Panoramakamera oder mehrere Tage photogrammetrische Erfassung, möglichst außerhalb der Öffnungszeiten. Gutes Licht und ein Aufnahmeplan sparen später Wochen.
3. Aufbereitung der Daten. Panoramen werden montiert und verknüpft, 3D-Daten berechnet, reduziert und texturiert. Bei einem begehbaren 3D-Rundgang liegt hier der größte Teil der Produktionszeit.
4. Inhalte und Gestaltung. Texte, Audio, Übersetzungen, Karte, Navigation und Gestaltung im Erscheinungsbild des Hauses. Für Barrierefreiheit kommen Untertitel, einfache Sprache und eine Bedienung ohne Controller dazu.
5. Test, Livegang, Betrieb. Usertests mit echten Gästen, Korrekturen, Veröffentlichung auf der Website oder Aufbau der Station im Haus. Danach Pflege der Inhalte, bei VR zusätzlich Geräte, Updates und Einweisung des Personals.
Ein virtueller Rundgang mit 360°-Panoramen ist so in wenigen Wochen erstellt, ein begehbarer 3D-Rundgang in drei bis sechs Monaten, eine VR-Anwendung mit Erzählung in sechs bis zwölf.
Digitaler Museumsguide auf dem eigenen Smartphone
Oft unterschätzt wird der digitale Museumsguide auf dem eigenen Smartphone der Gäste, als Alternative zum klassischen Audioguide. Per QR-Code am Eingang gestartet, ohne App und ohne Leihgeräte, führt er durch Räume und Gärten, mehrsprachig, mit Karte, Audio und Quiz für Familien. 360°-Blicke und begehbare Räume lassen sich darin einbetten, sodass der Guide alle drei Wege verbindet.
Für Häuser, die mit Audioguide-Geräten kämpfen, ist das meist der beste erste Schritt: keine Anschaffung, keine Akkus, keine Hygiene, kein Schwund, und die Inhalte pflegt die Fachabteilung selbst. Statistiken zeigen anschließend, welche Stationen funktionieren und wo Gäste aussteigen.


