„1.600 von 3.000 Gästen haben mitgespielt.“
SWR3 ESC Party, Karlsruhe 2026. Zwischen Impuls und Spiel lag ein QR-Code, sonst nichts.
Jeder Schritt zwischen „Ich will mitmachen“ und „Ich spiele“ kostet Teilnehmer:innen. Die Frage Browser oder App entscheidet, wie viele Schritte das sind.
Aus unseren Messe- und Eventprojekten kennen wir die Größenordnung: Ein App-Download halbiert die Zahl der Mitspielenden ungefähr, eine Registrierung halbiert sie noch einmal. Auf einer Messe, bei einem Event oder in einem Schaufenster ist die Aufmerksamkeit kurz. Wer in dieser Zeit erst in den Store muss, ist weg.
Die Marktzahlen zeigen in dieselbe Richtung. Eine viel zitierte Auswertung von Andrew Chen und Quettra kommt darauf, dass Apps im Schnitt binnen drei Tagen 77 Prozent ihrer Nutzer verlieren, nach 30 Tagen sind es rund 90 Prozent. Aktuelle Benchmarks von AppsFlyer liegen in derselben Größenordnung: Von allen Menschen, die eine App installieren, öffnet sie am Tag danach nur noch rund ein Viertel. Und installiert wird ohnehin selten, im Schnitt wenige Apps pro Gerät und Monat. Eine App für ein einzelnes Event oder eine Kampagne konkurriert also mit sehr geringer Bereitschaft.
Was eine Browser-Applikation heute kann
Browsergame, Web-App, Progressive Web App: Gemeint ist dasselbe, eine Anwendung, die ohne Installation im Browser läuft. Die Zeit, in der solche Browser-Applikationen zwangsläufig einfach aussahen, ist vorbei. WebGL und WebGPU bringen 3D-Grafik aufs Smartphone, der Beschleunigungssensor macht das Handy zum Controller. Kamera und Standort sind per Freigabe nutzbar, Push-Nachrichten und Offline-Betrieb gehen über Progressive Web Apps. Auch Multiplayer in Echtzeit ist im Browser kein Problem mehr, wie das ESC Voting Game mit 1.600 gleichzeitigen Spieler:innen gezeigt hat.
Dazu kommen Vorteile, die nichts mit Technik zu tun haben. Änderungen sind sofort live, ohne Freigabeprozess bei Apple oder Google. Das Spiel lässt sich in Websites, Newsletter und Social-Media-Posts einbetten. Es läuft auf jedem Gerät, egal welches Betriebssystem, egal wie alt. Und niemand muss Speicherplatz freiräumen, um mitzumachen.
Progressive Web App: die Brücke zwischen Browser-Applikation und App
Eine Progressive Web App ist eine Website, die sich wie eine App verhält. Sie lässt sich auf dem Homescreen ablegen, startet ohne Browserleiste, speichert Inhalte für den Offline-Betrieb und kann Push-Nachrichten senden, wenn die Nutzer:innen das erlauben. Für Messen bedeutet das: Das Spiel lädt einmal, wenn noch Netz da ist, und läuft danach auch in der Halle mit schlechtem Empfang. Für Kampagnen bedeutet es: Wer das Spiel mag, hat es mit einem Tipp auf dem Homescreen, ohne je einen Store gesehen zu haben.
Was die App im Betrieb teurer macht
Der Aufwand endet nicht mit der Veröffentlichung, und genau dort liegt der Unterschied. Eine native App bedeutet zwei Plattformen, zwei Entwicklerkonten, zwei Freigabeprozesse und zwei Versionen, die getestet werden wollen. Apple und Google ändern regelmäßig ihre Anforderungen, und wer nicht nachzieht, fliegt irgendwann aus dem Store. Jede Textkorrektur braucht ein Update, jedes Update eine Prüfung, und danach muss es auch noch installiert werden, was viele nie tun: Ein Teil des Publikums spielt monatelang eine veraltete Version. Eine Browser-Applikation kennt diesen Apparat nicht. Es gibt eine Version, sie liegt auf einem Server, eine Korrektur ist in Minuten live, und alle sehen sofort denselben Stand. Über die Laufzeit eines Projekts, das Jahre läuft und regelmäßig neue Inhalte bekommt, ist das der größere Posten, nicht die erste Entwicklung.
Datenschutz: Browser-Applikation und App im Vergleich
Im Browser entscheidet die Anwendung selbst, was sie erhebt, und muss nichts an einen Plattformbetreiber weitergeben. Es gibt kein Store-Konto, keine Geräte-ID, keine Berechtigungsabfrage für Kamera oder Kontakte, solange die Anwendung sie nicht braucht. Für Gewinnspiele mit Registrierung gilt dieselbe DSGVO-Sorgfalt wie überall, aber der Weg dorthin ist kürzer und transparenter. Eine App durchläuft dagegen die Prüfung der Stores, muss deren Datenschutzangaben ausfüllen und hängt an deren Regeln, die sich jährlich ändern.
Was nach dem Launch passiert
Ein Browsergame ist ein Codebestand für alle Geräte. Eine Änderung ist sofort für alle live. Eine App braucht mindestens zwei Plattformen, zwei Freigabeprozesse und zwei Update-Zyklen, und jedes Betriebssystem-Update kann etwas brechen. Für ein Spiel, das drei Tage auf einer Messe läuft, ist dieser Unterschied entscheidend. Für ein Produkt, das jahrelang gepflegt werden soll, ist er einkalkulierbar.
Wann die native App gewinnt
Es gibt Fälle, in denen wir zur App raten. Augmented Reality mit präziser Verankerung im Raum ist nativ deutlich stabiler, weil die Plattformen ihre AR-Frameworks dem Browser nur eingeschränkt öffnen. Wer über Monate hinweg täglich genutzt werden will, profitiert vom Icon auf dem Homescreen. Große Datenmengen, aufwendige 3D-Welten oder Anwendungen, die ganz ohne Netz funktionieren müssen, sind nativ besser aufgehoben. Und manchmal ist die Sichtbarkeit im Store selbst das Ziel: Eine Top-Platzierung in den Charts ist ein Marketingargument, das der Browser nicht liefern kann.
Browser-Applikation oder App: die Entscheidungsmatrix
Kurze Nutzung, viele Menschen, wenig Zeit? Browser. Lange Nutzung, treue Nutzer:innen, hohe technische Anforderungen? App. Im Zweifel bauen wir den Browser-Prototyp zuerst. Er ist schneller fertig, zeigt, ob die Idee trägt, und lässt sich später in eine App verpacken, falls der Store doch das Ziel wird.
Fünf Projekte, fünf Entscheidungen
Drei Mal Browser, zwei Mal App. In jedem Fall hat die Nutzungssituation entschieden, nicht die Technik.
ESC Voting Game: ein QR-Code auf der Leinwand
Die Gäste sortierten die ESC-Acts per Drag-and-drop zu ihrem Ranking, während die Show weiterlief, und fieberten mit, wie nah sie am offiziellen Ergebnis lagen. Mit einer App aus dem Store wäre die Quote von mehr als der Hälfte des Saals nicht erreichbar gewesen. Mehr zum Projekt.
FilterFit: ein Spiel für Messen weltweit
QR-Code am Stand, spielen, Highscore. In über 20 Sprachen und auf jedem Smartphone. Neue Fragen sind in Minuten live, ohne Store-Freigabe, und das Spiel läuft seit Jahren auf Messen auf mehreren Kontinenten. Mehr zum Projekt.
Interaktives Schaufenster: das Handy als Controller
Das Smartphone der Passant:innen steuert ein Quiz auf dem Bildschirm hinter der Scheibe. Der Beschleunigungssensor und eine Echtzeitverbindung machen das möglich, ohne Installation. Wer vorbeigeht, spielt in zehn Sekunden mit. Mehr zum Projekt.
ATLANTIS: hier musste es die App sein
Vier AR-Routen durch die Esslinger Innenstadt, Kunstwerke, die präzise an Fassaden und Plätzen verankert sind, und Inhalte, die auch ohne Netz funktionieren müssen. Das ist nativ stabiler. Dafür bleibt die App über das Festival hinaus auf dem Handy und macht Esslingen dauerhaft neu entdeckbar. Mehr zum Projekt.
Intermezzo: wenn der Store das Ziel ist
Das Opernquiz sollte in den App-Charts sichtbar sein und über Wochen gespielt werden, nicht in einer Minute am Stand. Nach wenigen Wochen stand es weit oben in den Charts, mit vielen tausend Downloads. Für dieses Ziel wäre der Browser der falsche Ort gewesen. Mehr zum Projekt.
Mehr dazu, was ein Spiel am Messestand leisten muss, im Beitrag Gamification auf der Messe.


