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Making-of · Photogrammetrie

Wie die Blauhöhle in die VR-Brille kam

Eine Höhle, die nur wenige Taucher je gesehen haben, wurde zum begehbaren VR-Erlebnis. Was Photogrammetrie leistet und wo sie an Grenzen stößt.

Kameramann mit Stativ und eingepackter Kamera am unterirdischen See im Blauhöhlensystem
Making-of · 12. Dezember 2019 · 10 Min. Lesezeit · Jonas Kirchner

„Nichts zu hören außer den Wassertropfen, die auf den See fallen.“

Der Moment, in völliger Dunkelheit tief unter der Erde zu sitzen. Eine bleibende Erfahrung des Kamerateams.

Hinter dem blauen Quelltopf in Blaubeuren beginnt ein Höhlensystem, das nur speziell ausgebildete Höhlenforscher:innen erreichen. Für den SWR und Tellux Next sollten wir diesen Ort per Photogrammetrie erfassen und in Virtual Reality für alle zugänglich machen.

Die Frage war nicht, ob sich das Höhlensystem in Virtual Reality übertragen lässt, sondern wie es glaubwürdig wird. Ein Höhlensystem lässt sich modellieren, so wie man Spielwelten baut. Das Ergebnis wäre eine Interpretation gewesen. Für ein Projekt, das Höhlenforschung vermitteln soll, war das die falsche Haltung. Also Photogrammetrie: eine Messung, kein Kunstwerk. Wie das Verfahren funktioniert, erklären wir im Beitrag Was ist Photogrammetrie?. Hier geht es darum, was es bedeutet, es in einer Höhle anzuwenden.

Anreise

Photogrammetrie in der Höhle: eine Stunde bis zum Eingang

Geführt von den Höhlenforscher:innen des Höhlenvereins Blaubeuren machte sich unser Kamerateam, Fabio Stoll, Peter Kreil und David Emmenlauer, auf den Weg in die Vetterhöhle. Die erste Herausforderung war das Equipment: Es musste auf die Gegebenheiten in der Höhle abgestimmt und dann hineingetragen werden. Oft entscheiden wenige Zentimeter, ob ein Koffer durch die engsten Stellen passt. Diese Engstellen lassen sich nur kriechend durch den Schlamm überwinden.

Der Weg in die Höhle dauert jeden Tag etwa eine Stunde, mit Gepäck länger. Um an bestimmte Stellen zu gelangen, etwa den unterirdischen See, kommen noch einmal knapp eineinhalb Stunden dazu. In der Höhle selbst kostet alles Zeit: die Größe der Räume, der größte ist etwa 70 Meter lang und 40 Meter hoch, das Fehlen von Wegen, das Klettern über unförmige Steine. Und man bewegt sich automatisch langsamer, wenn nur der Bereich sichtbar ist, den die Stirnlampe erleuchtet.

Making-of

Der Einstieg

Durch den Schacht in die Vetterhöhle. Was hier nicht durchpasst, bleibt oben: Jeder Koffer, jedes Stativ, jede Leuchte wurde vorher an den Engstellen gemessen.

Abstieg in die Vetterhöhle
Making-of

Unterwegs mit dem Höhlenverein

Petra und Markus Boldt vom Höhlenverein Blaubeuren haben die Vetterhöhle vor gut zehn Jahren mitentdeckt. Ohne ihre Führung und ihr Wissen über die Wege wäre keine einzige Aufnahme entstanden.

Höhlentour mit Stirnlampen
Aufnahme

Photogrammetrie-Aufnahmen, wo es kein Licht gibt

Photogrammetrie braucht gleichmäßiges Licht ohne harte Schatten, weil Schatten sonst als Teil der Oberfläche mitgerechnet werden. In einer Höhle gibt es kein Licht, also haben wir es mitgebracht: leuchtende Ballons, die weiches Licht in alle Richtungen abgeben, dazu Scheinwerfer, die sich später als Requisiten im Abenteuerspiel „Geheimnis der Lau“ wiederfinden. Um alle Perspektiven aufzunehmen, muss das Kamerateam ständig in Bewegung bleiben, und die Leuchten wandern mit.

Mehrere Leuchten, weich und überlappend: keine harten Schatten, keine Spiegelungen auf nassem Fels

Der zweite Gegner war der Schlamm. Am See versinkt man bei jedem Schritt bis zum Knöchel darin und darf nie zu lange an einer Stelle verharren. Überall ist Schlamm, weshalb die Kameras beim Transport in umfunktionierte Frischhaltebeutel gewickelt wurden. Nasse, glänzende Flächen spiegeln außerdem, und Spiegelungen wandern mit der Kamera. Manche Bereiche haben wir deshalb mehrfach aufgenommen, mit unterschiedlicher Lichtsetzung, und später die beste Version ausgewählt.

Making-of

Ballons statt Scheinwerfer

Leuchtende Ballons geben weiches, gleichmäßiges Licht ohne harte Schatten. Für Photogrammetrie ist das ideal, weil die Software keine Schatten als Oberfläche missversteht.

Leuchtballons in der Höhle
Making-of

Frischhaltebeutel gegen den Schlamm

Das empfindliche Kamera-Equipment wird beim Transport durch die Höhle in Frischhaltebeutel gewickelt. Der Fotokoffer von Kameramann Fabio Stoll sah nach einem Drehtag trotzdem aus, als hätte er den Tag im Fluss verbracht.

Kamera in Frischhaltebeutel verpackt
Making-of

Vom Schlauchboot aus

Höhepunkt der Aufnahmen war der unterirdische See mit seiner Insel. Um auch die Wasserseite der Felsen zu erfassen, fotografierte das Team vom Schlauchboot aus. Jede Perspektive zählt für das spätere 3D-Modell.

Aufnahmen vom Schlauchboot auf dem unterirdischen See
Berechnung

Von 10.000 Fotos zum 3D-Modell für die VR-Brille

Aus den knapp 10.000 Fotos berechnete die Photogrammetrie-Software zunächst eine Punktwolke und daraus ein Mesh mit hunderten Millionen Dreiecken, viel zu viel für eine VR-Brille, die jedes Bild zweimal und neunzig Mal pro Sekunde berechnen muss. Der eigentliche Handwerksanteil beginnt hier: Modelle reduzieren, ohne dass die Formen leiden, Texturen neu zusammensetzen, damit keine Nähte sichtbar bleiben, Lücken schließen, wo die Kamera nicht hinkam, und das Ganze in Abschnitte teilen, die die Brille nacheinander laden kann. Dazu kam die Tonkulisse, die in der Höhle aufgenommen und für das Spiel nachempfunden wurde.

Fotostausende Bilder PunktwolkeMilliarden Punkte Roh-MeshMio. Dreiecke VR-Modellstark reduziert Brille90 fps Die Datenmenge schrumpft in jedem Schritt, die Handarbeit nimmt zu
Berechnung

Die Höhle als Mesh: vom Punkt zur Fläche

So sieht das Blauhöhlensystem aus, bevor die Texturen aufgelegt werden: ein Netz aus Millionen Dreiecken, berechnet aus den überlappenden Fotos. Wochen am Rechner für Räume, die man in Minuten durchläuft.

Stimmen

Vier Charaktere, aufgenommen in München

Zur Höhle kam die Geschichte. Expeditionsleiter Karl, seit einem Tauchunfall querschnittsgelähmt, begleitet die Expedition per Funk von außen. Gesprochen wird er von Richy Müller, dem Stuttgarter Tatort-Kommissar, dessen Einsatzgebiet in der Nähe des Blautopfs liegt. Lotta, Höhlenforscherin und Spielfigur im Abenteuerspiel, spricht Johanna Zehendner, den Geologen Paul Stefan Müller-Doriat, die schöne Lau Eva Geiler. Die Aufnahmen entstanden beim Bayerischen Rundfunk in München, mit Spieleautor Wolfgang Walk als Berater.

Tonstudio

Sprecheraufnahmen mit Richy Müller

Richy Müller, Wolfgang Walk und das Team bei den Sprachaufnahmen. Müller erzählte im Interview, was ihn an dem Projekt reizte: ein Ort in seiner Tatort-Heimat, den er selbst nie gesehen hatte.

Sprecheraufnahmen beim BR in München mit Richy Müller
Das Ergebnis

Drei Virtual-Reality-Formate aus einem Datensatz

Aus demselben photogrammetrischen 3D-Modell entstanden drei Anwendungen. „Abenteuer Höhlenwelt“ ist eine 360°-Entdeckertour, auf der Geologe Paul durch das Höhlensystem führt, für Oculus Go, iOS und Android. „Geheimnis der Lau“ ist ein Mystery-Abenteuerspiel in vollständig begehbarer VR für die HTC Vive, in dem die Spielenden als Lotta selbst entscheiden, wie die Geschichte ausgeht. Und die Multimedia-Reportage „Mythos und Forschergeist“ liefert die Hintergründe im Browser auf jedem Gerät. Derselbe Ort, drei Zielgruppen, drei Tonlagen.

Geheimnis der Lau

Mehr als Wasser, Gestein und Vorstellungskraft

Im Abenteuerspiel stellt sich die schöne Lau den Forschenden als Wächterin des Höhlensystems entgegen. Die Spielenden bleiben auf dem Pfad des Lichts oder folgen den Rufen aus der Dunkelheit.

Screenshot aus Geheimnis der Lau
Abenteuer Höhlenwelt

Die Karte des Höhlensystems

Räume wie „Wolkenschloss“ oder „Walhalla“ tragen die Namen, die ihnen die Entdecker:innen gegeben haben. Die Karte im Spiel folgt der Vermessung des Höhlenvereins.

Screenshot der Höhlenkarte aus Blautopf VR
Resonanz

Von der FMX bis zum Deutschen Entwicklerpreis

Die erste Demo der Virtual-Reality-Anwendung lief auf der FMX in Stuttgart, danach auf der Gamescom. Am 11. Dezember 2019 erhielt „Geheimnis der Lau“ beim Deutschen Entwicklerpreis den Innovationspreis, den Sonderpreis der Stadt Köln, dazu Nominierungen für Beste Story und Bester Sound. Es folgten der Interactive-Entertainment-Award beim nextReality.Contest 2020 und eine Nominierung für den Deutschen Computerspielpreis. Das Wichtigste aber war ein anderer Moment: als Petra und Markus Boldt, die die Höhle mitentdeckt haben, sie zum ersten Mal in der Brille sahen.

Premiere

Die Entdecker:innen in ihrer eigenen Höhle

Petra und Markus Boldt vom Höhlenverein Blaubeuren erleben das Höhlensystem zum ersten Mal virtuell. Für sie war es der Ort, an dem sie unzählige Stunden verbracht hatten, jetzt ohne Schlamm und ohne Tauchgang.

Petra und Markus Boldt erleben das Höhlensystem in VR
Auszeichnung

Innovationspreis in Köln

Das Team bei der Verleihung des Deutschen Entwicklerpreises 2019. Blautopf VR ist eine Produktion von SWR und Tellux Next in Koproduktion mit Kohelet 3 und IT Media, in Zusammenarbeit mit Pixelcloud und dem Höhlenverein Blaubeuren, gefördert von der MFG Baden-Württemberg und dem FFF Bayern.

Verleihung des Innovationspreises beim Deutschen Entwicklerpreis 2019

Was aus der Erfahrung im Blautopf wurde, zeigen die Rundgänge durch das Residenzschloss Ludwigsburg, das Barockschloss Mannheim und das Pergamonmuseum. Alle Details zum Projekt auf der Projektseite Blautopf VR.

Häufige Fragen

Wie kommt man mit einer Kamera in die Blauhöhle?

Nur mit den Höhlenforscher:innen des Höhlenvereins Blaubeuren, die das System seit Jahrzehnten erforschen. Der Weg zum Eingang dauert etwa eine Stunde, zum unterirdischen See noch einmal eineinhalb, teils kriechend durch Schlamm.

Wie wurde die Höhle beleuchtet?

Mit leuchtenden Ballons, die weiches Licht in alle Richtungen abgeben, und zusätzlichen Scheinwerfern. Harte Schatten würde die Photogrammetrie-Software sonst als Teil der Oberfläche berechnen.

Warum nicht einfach modellieren?

Weil ein modelliertes Höhlensystem eine Interpretation ist. Für ein Projekt, das Forschung vermitteln soll, war uns wichtig, dass jede Wand so aussieht, wie sie ist.

Wo kann man Blautopf VR erleben?

„Abenteuer Höhlenwelt“ erschien für Oculus Go, iOS und Android, „Geheimnis der Lau“ für die HTC Vive, die Reportage „Mythos und Forschergeist“ läuft im Browser. Ausstellungen und Veranstaltungen zeigen die Anwendungen außerdem auf Standalone-Brillen.

Wer war an Blautopf VR beteiligt?

SWR und Tellux Next als Produzenten, Kohelet 3 und IT Media als Koproduzenten, Pixelcloud für Photogrammetrie und Entwicklung, der Höhlenverein Blaubeuren als Führung und Fachberatung. Gefördert von der MFG Baden-Württemberg und dem FFF Bayern.

Lässt sich so ein Projekt auf andere Orte übertragen?

Ja, und das haben wir getan: Die Erfahrung aus dem Blautopf steckt in den Rundgängen durch das Residenzschloss Ludwigsburg, das Barockschloss Mannheim und das Pergamonmuseum. Ob ein Ort dafür geeignet ist, klären wir in einem Kreativworkshop vor Ort.

Jonas Kirchner, Geschäftsführung Pixelcloud
Geschrieben von
Jonas Kirchner
Geschäftsführung & Projektmanagement bei Pixelcloud, seit 2011 in der Luft.

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